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Unternehmerisches Denken ist mindestens genauso wichtig wie die richtigen Fähigkeiten

Unternehmertum spielt eine zentrale Rolle für die Schaffung von Arbeitsplätzen und nach haltige Entwick­lung, insbesondere in Ländern mit begrenzten formel­len Beschäftigungsmöglichkeiten. Doch auch der Zugang zu Finanzmitteln, Märkten und den richtigen Qualifi­kationen stellt für viele Unternehmer:innen eine Heraus­forderung dar.

Sara Ryser
In Eswatini unterstützt das Internationale Handels­zentrum, zusammen mit der EU und der Regierung des Landes, eine breite Palette von Handwerker:in­nen, Unternehmer:innen und KMUS bei der Entwick­lung und Herstellung von Stoffen, Glas, Keramik, Lebensmitteln und anderen Produkten, wobei auch die Beteiligung und Füh­rungskompetenz von Frauen in diesen Bereichen gefördert wird. Foto: ITC

Photo: ITC

Hernan Manson ist Leiter des Bereichs Inclusive Agri-­Business Systems beim Internationalen Handelszentrum (ITC) in Genf, einer gemeinsamen Einrichtung der Vereinten Nationen und der Welthandelsorganisation. Er arbeitet mit kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), Regierungen, Institutionen und Unternehmern zusammen, um wettbewerbsfähige, nachhaltige und inklusive internationale Wertschöpfungsketten in Afrika, Asien und Lateinamerika aufzubauen. In diesem Interview erläutert er, warum Unternehmertum und berufliche Bildung für die Entwicklungs­zusammenarbeit und die Wirtschaft heute von entscheidender Bedeutung sind, welchen Herausforderungen Unternehmer:innen im Globalen Süden gegenüberstehen und was Entwicklungsorganisationen tun können, um sie effektiv zu unterstützen.

Hernan Manson ist Leiter des Bereichs Inclusive Agri­ Business Systems beim Internationalen Handels­zentrum (ITC) in Genf.  Er arbeitet mit kleinen und mittleren Unternehmen, Regierungen und Institu­tionen zusammen, um inklusive, nachhaltige und wettbewerbsfähige Wert­schöpfungsketten in Afrika, Asien und Lateinamerika aufzubauen. Foto: ITC
Hernan Manson ist Leiter des Bereichs Inclusive Agri­ Business Systems beim Internationalen Handels­zentrum (ITC) in Genf. Er arbeitet mit kleinen und mittleren Unternehmen, Regierungen und Institu­tionen zusammen, um inklusive, nachhaltige und wettbewerbsfähige Wert­schöpfungsketten in Afrika, Asien und Lateinamerika aufzubauen. Foto: ITC

Sollte die Förderung des Unternehmer­tums heute eine Priorität in der Entwick­lungszusammenarbeit sein?

Hernan Manson: Ja, auf jeden Fall. Unternehmertum fördert Selbstversorgung, Wirtschaftswachs­tum und soziale Inklusion. In vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen können traditionelle Arbeitgeber:innen nicht immer alle Arbeitssuchenden, insbesondere junge Menschen, aufnehmen. Erfolgreiche Unternehmer:innen und kleine und mittlere Unternehmen (KMU) schaffen Arbeitsplätze, diversifizieren die Wirtschaft und stärken lokale Lebensgrundlagen. Entwicklungszusammen­arbeit, die KMU und Unternehmertum unter­stützt, trägt dazu bei, Wohlstand zu steigern und regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Darüber hinaus fördert Unternehmertum Innovation, lokale Lösungen und Resilienz in Gemeinschaften, die sonst von formellen wirt­schaftlichen Möglichkeiten ausgeschlossen blieben.

Welche Rolle spielen berufliche Bildung und Weiterbildung in diesem Zusammenhang?

Berufliche Bildung und Weiterbildung sind extrem wichtig, denn sie vermitteln das Wissen und die technischen Fähigkeiten, die erforderlich sind, um einen Arbeitsplatz zu finden oder ein eigenes Unternehmen zu grün­den. Die Ausbildungen müssen auf die loka­len Markt bedürfnisse zugeschnitten sein und die Menschen auf die Arbeitsplätze und Bran­chen der Zukunft vorbereiten. Genauso wichtig ist jedoch die Förderung des unternehmeri­schen Denkens, damit junge Menschen die Grün­dung eines eigenen Unternehmens als einen realistischen und attraktiven Weg sehen, der zu Wohlstand führt.

Was sind die grössten Herausforderungen für Unternehmer:innen im Globalen Süden?

Der Zugang zu Finanzmitteln bleibt eine der grössten Hürden für Unternehmer:innen und KMU im Globalen Süden. Viele fallen in die «fehlende Mitte»; sie sind zu gross für Mikrokredite, aber zu klein oder zu riskant für Geschäftsbanken. Selbst wenn Finanzierungs­mechanismen existieren, erreichen sie kleine Unternehmen oft nicht, weil die Verfahren kom­plex sind oder weil die Mindestkreditsumme zu hoch ist. Hohe Zinssätze, begrenztes Vertrau­en und fehlende Sicherheiten verschärfen das Problem zusätzlich. Kredite können für Unter­nehmer:innen auch zu riskant sein, nicht nur wegen der hohen Kosten, sondern auch we­gen der schwachen lokalen Finanzsysteme, denen es oft an Versicherungen oder zuverläs­sigen Unterstützungsstrukturen mangelt.

Wie kann die Entwicklungszusammen­arbeit zur Bewältigung dieser Heraus­forderungen beitragen?

Die Entwicklungszusammenarbeit kann integ­rierte Unterstützung anbieten, die Finanzierung, Qualifizierung, Marktverbindungen und poli­tisches Engagement kombiniert, gleichzeitig die Inklusion fördert sowie Partnerschaften zwi­schen verschiedenen Akteur:innen aufbaut, um sowohl lokale als auch internationale Ressour­cen und Fachkenntnisse zu nutzen. Partner­schaften mit Institutionen des öffentlichen und privaten Sektors sind besonders wichtig. Wie bei jedem Engagement in der Entwicklungszu­sammenarbeit ist ein partizipativer Ansatz von entscheidender Bedeutung, der auf den tat­sächlichen Bedürfnissen, Prioritäten und Zie­len der betroffenen Menschen und Gemeinschaf­ten basiert.

Was sollten Organisationen bei der Förderung von arbeitsmarktgerechter Ausbildung und Unternehmertum beachten?

Die Unterstützung von KMU und Unterneh­mer:innen erzielt langfristig die grösste Wir­kung, wenn sie durch einen Bottom­-up-Ansatz erfolgt, der von lokalen Akteur:innen geleitet wird, die den Kontext verstehen und nachhaltig mit den Unternehmen zusammenarbeiten können. Projekte sollten von Anfang an Unter­nehmer:innen, KMU und lokale Gemeinschaften aktiv einbeziehen und ihnen die Möglichkeit geben, die Konzeption, Umsetzung und Überwa­chung von Programmen mitzugestalten – und damit meine ich echte Partizipation, nicht einfach eine Pflichtübung. Nur dann ist das Pro­jekt relevant, wird lokal mitgetragen und hat bessere Chancen, angenommen, repliziert und skaliert zu werden. Das Vorantreiben von Inno­vation, Technologie und rentablen Geschäfts­modellen trägt dazu bei, die nächste Generation zu begeistern und langfristige wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

Wie verbinden Sie die Förderung einzelner Unternehmer:innen mit systemischen Veränderungen in lokalen Volkswirtschaften?

Die Kombination von individueller Unterstüt­zung und systemischen Veränderungen ist ein zentraler Bestandteil des Ansatzes des Inter­nationalen Handelszentrums. Wir unterstüt­zen Unternehmer:innen und KMU direkt, stär­ken aber auch die Institutionen und politischen Rahmenbedingungen, die sie umgeben. Im Rahmen des von der Schweiz finanzierten San­kofa-Projekts in Ghana haben wir beispiels­weise mit Landwirt:innen und Genossenschaften zusammengearbeitet und gleichzeitig natio­nale Einrichtungen wie dem Ghana Cocoa Board, Halba, Max Havelaar und Coop einbezogen, um die Wirkung zu vergrössern.

Wo sehen Sie die grössten Chancen, Unternehmertum in der Entwicklungs­zusammenarbeit zu fördern?

Die digitale Wirtschaft, das Vorantreiben der grünen Wende und die Diversifizierung in neue und innovative Sektoren bieten grosse Potenzia­le. Der Übergang zu einer grünen Wirtschaft mit klimafreundlicher Produktion und grüner Fi­nanzierung schafft Chancen für nachhaltige Ge­schäftsmodelle, die sowohl die lokale Entwick­lung als auch globale Umweltziele vorantreiben. Die Diversifizierung der Sektoren eröffnet eben­falls neue Möglichkeiten, insbesondere in Ver­bindung mit einer verstärkten regionalen Integ­ration. Dies gilt vor allem, aber nicht nur, für den afrikanischen Kontinentalmarkt. Die Unter­stützung von Bereichen wie die landwirtschaftli­che Verarbeitung, die lokale Produktion von Babynahrung, Arzneimitteln oder Autoteilen und die Kreativwirtschaft stärkt die Wider­standsfähigkeit, schafft mehr Wert vor Ort und kann lokale Unternehme befähigen, in der Wert­schöpfungskette aufzusteigen.

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