Unternehmerisches Denken ist mindestens genauso wichtig wie die richtigen Fähigkeiten
Unternehmertum spielt eine zentrale Rolle für die Schaffung von Arbeitsplätzen und nach haltige Entwicklung, insbesondere in Ländern mit begrenzten formellen Beschäftigungsmöglichkeiten. Doch auch der Zugang zu Finanzmitteln, Märkten und den richtigen Qualifikationen stellt für viele Unternehmer:innen eine Herausforderung dar.
Photo: ITC
Hernan Manson ist Leiter des Bereichs Inclusive Agri-Business Systems beim Internationalen Handelszentrum (ITC) in Genf, einer gemeinsamen Einrichtung der Vereinten Nationen und der Welthandelsorganisation. Er arbeitet mit kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), Regierungen, Institutionen und Unternehmern zusammen, um wettbewerbsfähige, nachhaltige und inklusive internationale Wertschöpfungsketten in Afrika, Asien und Lateinamerika aufzubauen. In diesem Interview erläutert er, warum Unternehmertum und berufliche Bildung für die Entwicklungszusammenarbeit und die Wirtschaft heute von entscheidender Bedeutung sind, welchen Herausforderungen Unternehmer:innen im Globalen Süden gegenüberstehen und was Entwicklungsorganisationen tun können, um sie effektiv zu unterstützen.
Sollte die Förderung des Unternehmertums heute eine Priorität in der Entwicklungszusammenarbeit sein?
Hernan Manson: Ja, auf jeden Fall. Unternehmertum fördert Selbstversorgung, Wirtschaftswachstum und soziale Inklusion. In vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen können traditionelle Arbeitgeber:innen nicht immer alle Arbeitssuchenden, insbesondere junge Menschen, aufnehmen. Erfolgreiche Unternehmer:innen und kleine und mittlere Unternehmen (KMU) schaffen Arbeitsplätze, diversifizieren die Wirtschaft und stärken lokale Lebensgrundlagen. Entwicklungszusammenarbeit, die KMU und Unternehmertum unterstützt, trägt dazu bei, Wohlstand zu steigern und regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Darüber hinaus fördert Unternehmertum Innovation, lokale Lösungen und Resilienz in Gemeinschaften, die sonst von formellen wirtschaftlichen Möglichkeiten ausgeschlossen blieben.
Welche Rolle spielen berufliche Bildung und Weiterbildung in diesem Zusammenhang?
Berufliche Bildung und Weiterbildung sind extrem wichtig, denn sie vermitteln das Wissen und die technischen Fähigkeiten, die erforderlich sind, um einen Arbeitsplatz zu finden oder ein eigenes Unternehmen zu gründen. Die Ausbildungen müssen auf die lokalen Markt bedürfnisse zugeschnitten sein und die Menschen auf die Arbeitsplätze und Branchen der Zukunft vorbereiten. Genauso wichtig ist jedoch die Förderung des unternehmerischen Denkens, damit junge Menschen die Gründung eines eigenen Unternehmens als einen realistischen und attraktiven Weg sehen, der zu Wohlstand führt.
Was sind die grössten Herausforderungen für Unternehmer:innen im Globalen Süden?
Der Zugang zu Finanzmitteln bleibt eine der grössten Hürden für Unternehmer:innen und KMU im Globalen Süden. Viele fallen in die «fehlende Mitte»; sie sind zu gross für Mikrokredite, aber zu klein oder zu riskant für Geschäftsbanken. Selbst wenn Finanzierungsmechanismen existieren, erreichen sie kleine Unternehmen oft nicht, weil die Verfahren komplex sind oder weil die Mindestkreditsumme zu hoch ist. Hohe Zinssätze, begrenztes Vertrauen und fehlende Sicherheiten verschärfen das Problem zusätzlich. Kredite können für Unternehmer:innen auch zu riskant sein, nicht nur wegen der hohen Kosten, sondern auch wegen der schwachen lokalen Finanzsysteme, denen es oft an Versicherungen oder zuverlässigen Unterstützungsstrukturen mangelt.
Wie kann die Entwicklungszusammenarbeit zur Bewältigung dieser Herausforderungen beitragen?
Die Entwicklungszusammenarbeit kann integrierte Unterstützung anbieten, die Finanzierung, Qualifizierung, Marktverbindungen und politisches Engagement kombiniert, gleichzeitig die Inklusion fördert sowie Partnerschaften zwischen verschiedenen Akteur:innen aufbaut, um sowohl lokale als auch internationale Ressourcen und Fachkenntnisse zu nutzen. Partnerschaften mit Institutionen des öffentlichen und privaten Sektors sind besonders wichtig. Wie bei jedem Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit ist ein partizipativer Ansatz von entscheidender Bedeutung, der auf den tatsächlichen Bedürfnissen, Prioritäten und Zielen der betroffenen Menschen und Gemeinschaften basiert.
Was sollten Organisationen bei der Förderung von arbeitsmarktgerechter Ausbildung und Unternehmertum beachten?
Die Unterstützung von KMU und Unternehmer:innen erzielt langfristig die grösste Wirkung, wenn sie durch einen Bottom-up-Ansatz erfolgt, der von lokalen Akteur:innen geleitet wird, die den Kontext verstehen und nachhaltig mit den Unternehmen zusammenarbeiten können. Projekte sollten von Anfang an Unternehmer:innen, KMU und lokale Gemeinschaften aktiv einbeziehen und ihnen die Möglichkeit geben, die Konzeption, Umsetzung und Überwachung von Programmen mitzugestalten – und damit meine ich echte Partizipation, nicht einfach eine Pflichtübung. Nur dann ist das Projekt relevant, wird lokal mitgetragen und hat bessere Chancen, angenommen, repliziert und skaliert zu werden. Das Vorantreiben von Innovation, Technologie und rentablen Geschäftsmodellen trägt dazu bei, die nächste Generation zu begeistern und langfristige wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu gewährleisten.
Wie verbinden Sie die Förderung einzelner Unternehmer:innen mit systemischen Veränderungen in lokalen Volkswirtschaften?
Die Kombination von individueller Unterstützung und systemischen Veränderungen ist ein zentraler Bestandteil des Ansatzes des Internationalen Handelszentrums. Wir unterstützen Unternehmer:innen und KMU direkt, stärken aber auch die Institutionen und politischen Rahmenbedingungen, die sie umgeben. Im Rahmen des von der Schweiz finanzierten Sankofa-Projekts in Ghana haben wir beispielsweise mit Landwirt:innen und Genossenschaften zusammengearbeitet und gleichzeitig nationale Einrichtungen wie dem Ghana Cocoa Board, Halba, Max Havelaar und Coop einbezogen, um die Wirkung zu vergrössern.
Wo sehen Sie die grössten Chancen, Unternehmertum in der Entwicklungszusammenarbeit zu fördern?
Die digitale Wirtschaft, das Vorantreiben der grünen Wende und die Diversifizierung in neue und innovative Sektoren bieten grosse Potenziale. Der Übergang zu einer grünen Wirtschaft mit klimafreundlicher Produktion und grüner Finanzierung schafft Chancen für nachhaltige Geschäftsmodelle, die sowohl die lokale Entwicklung als auch globale Umweltziele vorantreiben. Die Diversifizierung der Sektoren eröffnet ebenfalls neue Möglichkeiten, insbesondere in Verbindung mit einer verstärkten regionalen Integration. Dies gilt vor allem, aber nicht nur, für den afrikanischen Kontinentalmarkt. Die Unterstützung von Bereichen wie die landwirtschaftliche Verarbeitung, die lokale Produktion von Babynahrung, Arzneimitteln oder Autoteilen und die Kreativwirtschaft stärkt die Widerstandsfähigkeit, schafft mehr Wert vor Ort und kann lokale Unternehme befähigen, in der Wertschöpfungskette aufzusteigen.